Die Überlegungen reiften nur kurze Zeit. In wenigen Wochen entschlossen wir uns, gemeinsam unsere erste Jakobsweg Erfahrung zu sammeln. Anfangs hatten wir den „Del Norte“ im Kopf, entschlossen uns allerdings ziemlich schnell um. Erst einmal überhaupt probieren, ob die langen Fußmärsche mit Gepäck etwas für uns sind. Daher schwenkten wir auf den Caminho Português um. Einfacher soll er sein. Leichter. Genau das richtige. So zumindest der Gedanke. Am Ende stellte sich für uns heraus: Es war genau der richtige Weg für uns. Aber einfach? Das eher nicht. Zumindest nicht, wenn es nach unseren naiven Vorstellungen ging. Aber der Reihe nach…

So richtige keimte die Idee vom Jakobsweg an einem sonnigen Tag in den Niederlanden. Unsere Zeit verbrachten wir in Zeeland und liefen mit unserem Hund Lotte durch einen wunderschönen Waldabschnitt, leicht im Schatten der hohen Kiefernbäume.

Pilgerweg Coloniesis - direkt vor unserer Haustür in Köln
Pilgerweg vor der Haustür

Schnell wurde uns angesichts unserer Lotte klar, dass sie wohl nie den Weg schaffen würde. Auch wenn sie ihn vor der Haustür eigentlich täglich geht – wir wohnen quasi auf dem Coloniensis, der Deutsche Jakobsweg von Köln nach Trier. Soviel Wasser, soviel Fressen im Gepäck – ein unmögliches Unterfangen.

Also sprachen wir über den Jakobsweg… aber mit den Gedanken immer in einer fernen, sehr fernen Zukunft. Erst wenn es die Umstände zuließen… erst dann. Dann nehmen wir uns eine Auszeit. Für mindestens 1 1/2 Monate. Vielleicht sogar zwei. Gar drei Monate wirkten nicht ganz unrealistisch.

Und da wir aber gerade so in der Ferne schwelgten, war für uns ziemlich schnell klar: Der Camino Francés sollte es nicht werden, lieber der Del Norte. Ein Camino, der sich im nördlichen Spanien die Küste entlang schlängelt. Knapp 850 km bilderbuchartig durch die Landschaft.

Wir schauten uns im Internet fleißig um und stießen auf Olga und Leo, die in ihrem Reiseblog auf YouTube fantastische, ja tagesaktuelle Erlebnisberichte über ihre Zeit auf dem Camino Del Norte der Öffentlichkeit zur Verfügung stellten. Fortan fesselten uns deren Tagesberichte und wir saugten die Impressionen nur so auf.

Portugiesischer Jakobsweg

Mitte Juli 2021 kristallisierte sich der Gedanke, dass es vielleicht doch möglich wäre, den Jakobsweg zu beschreiten. Nur eine kürzere Variante. Über 14 Tage vielleicht. Da wäre unsere Lotte, die bis dato in ihren fast 11 Lebensjahren nie alleine war, für einen übersichtlichen Zeitraum in guten Händen.

Keine fünf Tage dauerte es, bis aus Idee wirkliche Planung wurde. Die Flüge schnell gebucht, erste Lokalitäten für Übernachtungen zumindest anvisiert – der Plan begann sich langsam aber sicher zu verwirklichen.

Schnell stellte sich die Frage: Schaffen wir 14 Tage am Stück ca. 280 km zu gehen? Die Antwort logen wir uns in Anbetracht der späteren Erfahrung direkt in die Tasche: Na klar schaffen wir das! Wir haben einen Hund, gehen jeden Tag spazieren. Mindestens 10 km, was sind da schon die doppelte Menge mehr, wenn wir 24h Zeit dazu haben?!

Der richtige Rucksack

Alles abgehakt – die nächste Frage: Welchen Rucksack nehmen wir mit? Kurzer Blick in die dunkelste Ecke unsere Wohnung, richtig. Da ist noch ein großer Rucksack. Schöne Farbe. Fast wäre mit ihm und einen schnell bestellten im Internet die Suche beendet gewesen, da nahmen wir ein wenig Tempo aus unserer Anfangseuphorie heraus und sicherten uns einen Rucksack-Anprobetermin bei Globetrotter in Köln. Natürlich nur, um uns beraten zu lassen. Einfach mal gucken – ganz sicher nicht kaufen. Denn bestellt wird ja höchstens im Internet.

Zum Glück machten wir die Erfahrung, dass die Beratung das wohl beste war, was uns passieren konnte. In ewiger Ruhe und mit wirklich fantastischem Sachverstand gab uns der Verkäufer (Hallo Klaus, danke noch einmal!) viele Tipps. Zudem wurden die unterschiedlichsten Rucksäcke mit verschiedensten Gewichten gepackt. Und jedes Mal fühlte es sich anders an. Ohne diese Erfahrung hätten wir uns wahrscheinlich das preisgünstigste und farblich schönste im Internet bestellt – so aber landeten wir bei dem auf uns wahrlich zugeschneiderten Modell. Der Kauf beim Globetrotter nur noch Formsache.

Das Schuhwerk

Ausrüstung von Kopf bis Fuß für den Jakobsweg
Diese Schuhe wurden es am Ende nicht

Etwas Ruckeliger verlief es bei der Suche nach dem passenden Schuhwerk. Via Sportcheck nutzten wir das grandiose Angebot, Schuhe mal vier Wochen tragen zu dürfen und diese dann ohne Bedingung gerne wieder zurückzutauschen. Davon machten wir gleich zweifach gebrauch. Trotz zwischenzeitlicher Anfertigung von Schuheinlagen, Probeläufe etc. – auf einmal fühlte es sich so an, als würde kein Schuh wirklich passen. Am Ende gewann ein auf 30,- € heruntergesetzter Turnschuh bei Olaf das Rennen. Unglaublich, aber wahr.

Bis nach Nümbrecht fuhren wir, um gleich einmal zwei Probetouren zu starten. Mit 250 Metern hoch und wieder runter auf 13 bis 17 Kilometern sollte unsere Teststrecke ohne Gepäck für ein sicheres Gefühl sorgen.

Alles startklar. Noch ein paar Utensilien für eine komfortable Rucksackpackung und fast nichts mehr stand im Weg.

Planungen via Apps

Für die Reiseplanung fanden wir eine App von Outdooractive, die sich vor allem am Notebook in der Frühphase als außerordentlich praktikabel erwies. Angesichts der Corona-Restriktionen entschieden wir uns ziemlich schnell, den Weg komplett durchzuplanen. Zu unsicher waren wir angesichts der Situation. Fast alles buchten wir – wenn auch ein wenig überteuert – via Booking.com. Aber unsere frühere Erfahrung mit diesem Anbieter ließ uns da ruhigen Gewissens mit planen und wir sollten auch nicht enttäuscht werden. Lediglich zwei Übernachtungen ließen sich nicht buchen – hier wählten wir den eMail Kontakt und wurden zumindest von Fernanda (dazu später mehr) herzlichst willkommen geheißen.

Damit verlief alles nach Plan. Bis auf das Probepacken des Rucksacks. Maximal 10 % des eigenen Körpergewichts sollte in den Beutel. Resultat: Wir müssten mindestens 12 kg in den folgenden 12 Wochen zunehmen. Da dies aber keine Option war, luden wir Stück für Stück aus und kamen am Ende auf 7 kg Gesamtgewicht bei Pia und 8,5 kg bei Olaf. Im Nachhinein einfach viel zu viel – aber die Erfahrungswerte fehlten und wir schätzten es in diesem Moment des Packstadiums noch ziemlich zuversichtlich wie positiv ein.

Viel Zeit zum Nachdenken

Positiver Schwangerschaftstest
Juhu!

Somit zählten wir nun die Tage und langsam aber sicher kam der Tag des Abflugs heran. Und als wären wir nicht aufgeregt genug, überraschte uns einen Tag vor dem Start noch eine Nachricht der besonderen Art. Hatten wir doch eigentlich unsere Lebensplanung weitestgehend übersichtlich im Blick – unsere beiden Kinder sind 19 und 20 Jahre alt – schlug ein etwas anderer Test bei uns positiv an. Nein, kein Corona-Test… sondern ein Schwangerschaftstest. 24h vor dem Abheben sicherte uns ein Besuch beim Arzt folgende Erkenntnis: Wir haben nun 14 Tage genügend Zeit, in Ruhe darüber nachzudenken, was es bedeutet, noch einmal Eltern zu werden.

Da kam uns der Jakobsweg gerade richtig!